Themen – Gleichstellung – Vereinbarkeit

Einseitige Flexibilisierung erhöht Druck auf Arbeitnehmende

Das «Barometer Gute Arbeit» ist ein Kooperationsprojekt der Berner Fachhochschule, Travail.Suisse, dem unabhängigen Dachverband der Arbeitnehmenden, und der Gewerkschaft Syna. Die repräsentativen Ergebnisse beleuchten die Qualität der Arbeitsbedingungen in der Schweiz und ihre Veränderungen. Im Fokus der Ausgabe 2018 stehen grosse psychosoziale Belastungen, mangelnde Förderung der Weiterbildung und abnehmende Arbeitsmarktmobilität. Ausserdem wird die einseitige Flexibilisierung der Arbeitszeiten beleuchtet. mehr

Der Druck auf die Arbeitnehmenden ist hoch und psychosoziale Belastungen wie Stress oder emotionale Erschöpfungszustände nehmen zu. Gleichzeitig verlieren Arbeitnehmende durch einseitige Flexibilisierungen immer mehr die Hoheit über ihre freie Zeit, was die Vereinbarkeit zwischen Arbeit und Privatleben erschwert. Dazu kommen mangelhafte Investitionen der Arbeitgeber in die Arbeitsmarktfähigkeit ihre Angestellten.

Einseitige Flexibilisierung zuungunsten der Arbeitnehmenden

Unter dem Schlagwort der Flexibilisierung werden aktuell massive Angriffe auf den Arbeitnehmerschutz gestartet. Eine Vorlage zum Angriff auf die Arbeitszeiterfassung (Pa.Iv. Keller Sutter), für die massive Ausdehnung der wöchentlichen Arbeitszeiten und der Verkürzung der Ruhezeiten (Pa.Iv. Graber) befindet sich in Vernehmlassung. Doch die Ergebnisse des Barometers Gute Arbeit zeigen schon jetzt einen Verlust der Arbeitnehmenden auf die Gestaltung ihrer Arbeitszeiten: Zwischen 2015 und 2018 hat sich der Anteil derjenigen ohne Einfluss auf die Arbeitszeiten von 13.1 auf 17.8 Prozent erhöht, während der Anteil der Personen mit sehr viel Einfluss von 29 auf 24.5 Prozent abgenommen hat. Gleichzeitig wird deutlich, dass ein Drittel der Arbeitnehmenden nicht selber ihre Pausen und die Mehrheit nicht selber über Arbeitsbeginn und Arbeitsende bestimmen kann und eine Reduktion des Arbeitspensums für einige Wochen nur einer kleinen Minderheit der Arbeitnehmenden möglich ist. „Die Flexibilisierung der Arbeitszeiten findet sehr einseitig statt und geht auf Kosten der Gesundheit und der Vereinbarkeit von Beruf und Familie“, sagt Gabriel Fischer, Leiter Wirtschaftspolitik bei Travail.Suisse. Stress und emotionale Erschöpfung werden von den Arbeitnehmenden am negativsten bewertet: 40 Prozent fühlen sich oft oder sehr häufig durch ihre Arbeit gestresst. „Stress und emotionale Erschöpfung erleben Arbeitnehmende als Berufsalltag und Krankenversicherer als zunehmende Gesundheitsbelastung – ein regelmässiges Stressmonitoring durch die Politik fehlt aber noch immer“, sagt Fischer.

Zuwenig Unterstützung bei der Weiterbildung beeinträchtigt die Arbeitsmarktmobilität

Obwohl Aus- und Weiterbildung als Schlüssel für eine erfolgreiche Bewältigung der Herausforderungen durch die Digitalisierung gelten, erleben fast die Hälfte der Arbeitnehmenden keine oder unzureichende Förderung der Weiterbildung durch den Arbeitgeber. „Gerade tiefer Qualifizierte aber auch ältere Arbeitnehmende werden in ihren Weiterbildungsbemühungen oftmals alleine gelassen und drohen so den Anschluss an den Arbeitsmarkt zu verlieren“, sagt Fischer. So glaubt eine Mehrheit von 51.4 Prozent der Arbeitnehmenden nicht oder kaum daran, bei Stellenverlust wieder eine vergleichbare Stelle zu finden. Es erstaunt also nicht, dass auch der Anteil der Arbeitnehmenden ohne Arbeitsmarktmobilität seit 2015 kontinuierlich von 17.8 auf 21.1 Prozent gestiegen ist. Gerade heute, in Zeiten von Fachkräftemangel und Digitalisierung, müssten Arbeitnehmende aber die Möglichkeit erhalten, sich immer weiter zu qualifizieren, um bis zu Pensionierung die Arbeitsstelle behalten zu können.

Hände weg vom Arbeitsgesetz und zwei weitere Forderungen

Zukunftsfähige Arbeit muss die Gesundheit der Arbeitnehmenden schützen, ihre Motivation erhalten und ein gewisses Mass an Sicherheit bieten. Auf Basis der aktuellen Resultate des „Barometer Gute Arbeit“ stellt Travail.Suisse folgende Forderungen:

1. Hände weg vom Arbeitsgesetz:
Mit der Abschaffung der Arbeitszeiterfassung und der wöchentlichen Höchstarbeitszeit hat die bürgerliche Politik den Angriff auf die Arbeitszeiten der Arbeitnehmenden verschärft. Es drohen Gratisarbeit, 70-Stunden Woche und eine Zunahme von Belastung und Burn-out. Beides lehnt Travail.Suisse vehement ab und wird notfalls auch das Referendum ergreifen. Das Arbeitsrecht soll nicht verschrottet, sondern zwingend verbessert werden – dies gilt gerade angesichts des zu erwartenden Wandels durch die Digitalisierung.

2. Installieren eines Stressmonitorings:
Stress ist bereits heute weit verbreitet in der Arbeitswelt. Damit ist auch ein Ansteigen der psychosozialen Belastungen verbunden. Die Politik muss ein Stressmonitoring einführen, um die Entwicklung im Auge zu behalten und geeignete Schutzmechanismen für die Arbeitnehmenden aufzubauen.

3. Mehr Weiterbildung – auch für tiefer qualifizierte Arbeitnehmende:
Die Verantwortung für die Weiterbildungstätigkeit liegt heute zu stark bei den Arbeitnehmenden selber. In Zeiten von beschleunigtem Strukturwandel durch Digitalisierung wird der Erhalt der Arbeitsmarktfähigkeit aber zu einer gesamtgesellschaftlichen Herausforderung. Für Travail.Suisse ist der Erhalt der Arbeitsmarktfähigkeit ein zentrales Anliegen. Dazu müssen neben den Arbeitnehmenden auch die Arbeitgeber mit mehr Engagement beitragen. Travail.Suisse fordert ausserdem einen Fonds, über den Weiterbildungen und Umschulungen für (ältere) Arbeitnehmende im Zuge der Digitalisierung finanziert werden können.

>> zum Blog des BFH-Zentrums Soziale Sicherheit «Besseres Arbeitsklima trotz steigender Jobunsicherheit» auf «"knoten & maschen":https://www.knoten-maschen.ch/barometer_gute_arbeit_2018/»
>> Interaktive Grafik des Barometer Gute Arbeit
>> Mehr Informationen zum Syna-Kongress vom 19./20. Oktober zum Thema „Unsere Arbeit – unsere Zukunft“

Weitere Informationen:
• Adrian Wüthrich, Präsident Travail.Suisse, 079 287 04 93
• Gabriel Fischer, Leiter Wirtschaftspolitik Travail.Suisse, 076 412 30 53
• Arno Kerst, Präsident Syna, 079 598 67 70

12. Oktober 2018, Adrian Wüthrich, Präsident und Gabriel Fischer, Leiter Wirtschaftspolitik

Erfolgreiches Impulsprogramm nicht abwürgen

Morgen entscheidet der Nationalrat darüber, ob das äussert erfolgreiche Impulsprogramm zur Schaffung familienergänzender Kinderbetreuungsplätze weitergeführt werden kann. Travail.Suisse empfiehlt dringend, der WBK-N zu folgen und das Impulsprogramm zu verlängern. mehr

Dank dem Impulsprogramm wurden bis heute rund 55‘000 zusätzliche Betreuungsplätze geschaffen. Die Evaluationen des Programms zeigen, dass die Anstossfinanzierung ein effizientes und nachhaltiges Förderinstrument darstellt. Die Nachfrage der Eltern ist aber nach wie vor grösser als das Betreuungsangebot. Ein ausreichendes Angebot ist absolut zentral, damit Familie und Beruf in der Schweiz vereinbart werden können. Das Impulsprogramm muss deswegen zwingend fortgeführt werden. Das Impulsprogramm folgt auch in einem starken gesamtwirtschaftlichen Interesse. „Zusätzliche Betreuungsplätze ermöglichen es den Eltern, stärker berufstätig zu sein. Damit kann einerseits dem Fachkräftemangel begegnet werden und andererseits können dadurch höhere Steuereinnahmen generiert werden“, sagt Matthias Kuert Killer, Leiter Sozialpolitik bei Travail.Suisse. Diese zusätzlichen Steuereinnahmen übersteigen die Investitionen in die Betreuungsplätze bei weitem. Das sieht übrigens auch der Arbeitgeberverband so. Anstatt mit dem Vaterschaftsurlaub und der Förderung der familienexternen Betreuung zwei wichtige familienpolitische Massnahmen gegeneinander auszuspielen, tut der Nationalrat gut daran, zeitgemässe und dringend notwendige Angebote zu unterstützen und morgen das erfolgreiche Impulsprogramm nicht abzuwürgen.

Mehr Informationen:
Matthias Kuert Killer, Leiter Sozialpolitik bei Travail.Suisse, Mobile: 079 777 24 69

11. Juni 2018, Matthias Kuert Killer, Leiter Sozialpolitik

Irrsinn: Der Bundesrat will das Impulsprogramm für mehr Kinderbetreuungsplätze abschaffen

Noch immer gibt es zu wenig Kindertagesstätten und Tagesschulen in der Schweiz. Trotzdem hat der Bundesrat heute die Verlängerung des Impulsprogramms zu Schaffung von Kinderbetreuungsplätzen abgelehnt. Das ist aus Sicht von Travail.Suisse, dem unabhängigen Dachverband der Arbeitnehmenden, eine Ohrfeige für berufstätige Eltern. mehr

Im Jahr 2017 sind erstmals mehr Personen aus dem Arbeitsmarkt aus- als in ihn eingetreten. Das bedeutet, dass der Fachkräftemangel langsam aber sicher zur Realität wird. Ein Instrument gegen den Fachkräftemangel sind Massnahmen zur Förderung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf, wie sie die Fachkräfteinitiative bereits vorsieht. „Dass der Bundesrat das Impulsprogramm zur Schaffung von neuen Betreuungsplätzen ausgerechnet jetzt abschaffen will, ist schlicht Irrsinn“, sagt Adrian Wüthrich, Präsident von Travail.Suisse.

Am 18. Oktober 2017 hat der Bundesrat zudem einen Vaterschaftsurlaub abgelehnte mit der Begründung, dass er „dem bedarfsgerechten Ausbau familienergänzender Kinderbetreuungsangebote prioritäre Bedeutung“ zumisst. Dass er nun auch diesen Ausbau ablehnt macht klar: „Der Bundesrat will keine Familienpolitik, er will Familien nicht unterstützen und auch die Frauen nicht im Arbeitsmarkt haben“, sagt Wüthrich.

Der Nationalrat wird voraussichtlich am 12. Juni darüber entscheiden, ob der Variante des Bundesrats, das Impulsprogramm nicht zu verlängern, oder der Variante der Kommission (Verlängerung) gefolgt wird. Travail.Suisse empfiehlt dringend, der WBK-N zu folgen und das Impulsprogramm zu verlängern.

Weitere Informationen:
Adrian Wüthrich, Präsident Travail.Suisse, 079 287 04 93

16. Mai 2018, Adrian Wüthrich, Präsident

Travail.Suisse fordert eine echte Gleichstellung

Für Travail.Suisse ist es zentral, eine moderne Gleichstellungspolitik zu betreiben. Heute präsentiert der unabhängige Dachverband der Arbeitnehmenden deshalb das neue Positionspapier „Gleichstellung von Frau und Mann heute und morgen“ mit 28 Forderungen für mehr Wahlfreiheit und zur Gewährleistung der Lebensqualität von Arbeitnehmenden. Im Fokus stehen dabei die Einführung einer schwarzen Liste für lohndiskriminierende Unternehmen und der Individualbesteuerung sowie eine bessere soziale Absicherung bei Care-Arbeit. mehr

Seit 1988 dürfen Frauen in der Schweiz ohne das Einverständnis ihres Ehemannes arbeiten oder ein Bankkonto eröffnen, seit 2005 erhalten erwerbstätige Frauen einen Lohnersatz während des Mutterschutzes und im Jahr 2017 beträgt die Lohndiskriminierung noch immer mindestens 7,7 Milliarden Franken. Auch bei den Männern gibt es offene Baustellen: Zwar möchten 9 von 10 vollbeschäftigten Männern gerne Teilzeit arbeiten (aus: „Was Männer wollen“, Studie von Pro Familia Schweiz, Bern 2011), aber gerade mal 17.5 Prozent machen es. Und einen gesetzlichen Vaterschaftsurlaub gibt es schon gar nicht. Der Weg zu einer echten Gleichstellung ist noch sehr lang. Deshalb hat Travail.Suisse ein Positionspapier erarbeitet, das als Basis für parlamentarische Vorstösse in den kommenden Sessionen dienen wird. Im Fokus stehen aktuell folgende Forderungen:

1. Es braucht eine schwarzen Liste für lohndiskriminierende Unternehmen

Die Lohngleichheit ist eine jahrzehntealte Forderung. „Leider stösst sie vor allem politisch noch immer auf taube Männerohren, das hat der Ständerat kürzlich bewiesen“, sagt Sabri Schumacher, Leiterin der Fachstelle Gleichstellung bei Syna. Die Lohndiskriminierung beträgt im Jahr 2017 noch immer über 600 Franken pro Monat und Frau, „das ist mehr als eine Ohrfeige für erwerbstätige Frauen“, so Schumacher. Mit dem vorliegenden Positionspapier wird klar: Das Prinzip „Gleicher Lohn für gleiche Arbeit“ muss in den Unternehmen zwingend durchgesetzt werden. Das Parlament wollte im Gleichstellungsgesetz keine ausreichenden Vorkehrungen treffen, um die die Situation zu verbessern. Deshalb prüfen Travail.Suisse und die angeschlossenen Verbände die Einführung einer schwarzen Liste, auf der diejenigen Unternehmen aufgelistet werden, die keine freiwilligen Lohnüberprüfungen anhand einer anerkannten Methode durchführen.

2. Die Care-Arbeit muss besser sozial abgesichert werden

In der Schweiz betreuen 35 Prozent der ständigen Wohnbevölkerung regelmässig Kinder oder Erwachsene, das sind fast 1,9 Millionen Personen. „Den Löwenanteil dieser unbezahlten Care-Arbeit leisten Frauen – und werden dafür spätestens im Rentenalter mit einer kleineren Rente bestraft“, sagt Valérie Borioli Sandoz, Leiterin Gleichstellungspolitik bei Travail.Suisse. Die Diskussionen um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zielte in den vergangenen Jahren mehrheitlich auf die Betreuung von Kindern ab. Das ist auch richtig so, aber es ist höchste Zeit, dass die Betreuung erwachsener und betagter Angehöriger einbezogen wird – gerade im Angesicht von Demografie und Fachkräftemangel. Die gesetzlichen Rahmenbedingungen müssen zwingend verbessert werden und es braucht eine Anpassung des Sozialversicherungssystems, damit die Care-Arbeit generell sozial abgesichert wird.

3. Die Individualbesteuerung muss eingeführt werden

Die Individualbesteuerung ist aus Sicht der Gleichstellung zwingend. Die Einkommen der Frauen und Männer sollen einzeln sichtbar und versteuert werden. „Nur die zivilstandsunabhängige und diskriminierungsfreie Besteuerung kann uns den nötigen gesellschaftlichen Kulturwandel bringen“, sagt Adrian Wüthrich, Präsident von Travail.Suisse. Ausserdem setzt die Individualbesteuerung positive Anreize zur Aufnahme oder Ausdehnung der Erwerbstätigkeit. Travail.Suisse fordert den Bundesrat auf, dem Parlament eine Umsetzung ohne Einnahmeausfälle zu präsentieren.

Weitere Informationen:

  • Adrian Wüthrich, Präsident Travail.Suisse, Mobile: 079 287 04 93
  • Valérie Borioli Sandoz, Leiterin Gleichstellungspolitik Travail.Suisse, Mobile: 079 598 06 37
  • Sabri Schumacher, Leiterin der Fachstelle Gleichstellung bei Syna, Mobile: 078 642 10 45

→ Link zum Positionspapier

30. April 2018, Valérie Borioli Sandoz, Leiterin Gleichstellungspolitik

Kommentar: „Der Bundesrat will keinen Vaterschaftsurlaub!“

Unsere Vaterschaftsurlaubs-Initiative hat eine weitere Etappe hinter sich: Der Bundesrat hat am 18. September 2017 entschieden, sie zur Ablehnung zu empfehlen. Er will somit dem Parlament keinen Gegenvorschlag unterbreiten. Bundesrat Alain Berset muss nun bis im Sommer 2018 die Botschaft mit dem Antrag auf Ablehnung ausarbeiten. mehr

Letzten Mittwoch musste ich an der Vorstandssitzung des Europäischen Gewerkschaftsbundes in Brüssel über die ablehnende Haltung der Schweizer Regierung gegenüber unserer Initiative für einen vierwöchigen Vaterschaftsurlaub informieren. Für die Gewerkschaftskolleginnen und -Kollegen aus Europa wurde klar, dass die Schweiz auch beim Vaterschaftsurlaub eine Sonderstellung einnimmt. In der EU wird hingegen am 17. November 2017 von den EU-Staaten mit grösster Wahrscheinlichkeit die „europäische Säule sozialer Rechte“ beschlossen. Dieses Gesetzespaket definiert nicht nur Mindeststandards wie den Grundsatz „gleiche Arbeit, am gleichen Ort, zu gleichem Lohn“ in der Entsenderichtlinie, sondern legt auch mindestens 10 Tage Vaterschaftsurlaub und vier Monate Elternurlaub für Mütter und Väter fest. Für die EU-Kommission ist klar, dass wir im 21. Jahrhundert leben und deshalb auch „eine dem 21. Jahrhundert angemessene Einstellung zum Leben und Arbeiten, zu Frauen und Männern“ brauchen.

Unser Bundesrat sieht hingegen keinen Bedarf für eine Veränderung in der Gesellschaft, er will von einem Vaterschaftsurlaub nichts wissen. Am 18. September gab er bekannt, dass er unsere Vaterschaftsurlaubs-Initiative ohne Gegenvorschlag zur Ablehnung empfiehlt. Gemäss Medien waren die (älteren Herren) SVP- und FDP-Bundesräte dagegen. Die Kosten seien zu hoch und würden die Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft beeinträchtigen – so die Argumente. Dass der gleiche Bundesrat an der gleichen Sitzung bis zu einer Milliarde Franken für die Olympischen Winterspiele 2026 gesprochen hat, führt natürlich bei dieser Argumentation zu Kopfschütteln. Das Kostenargument wirkt etwas vorgeschoben: Zwei Wochen Vaterschaftsurlaub sind gemäss aktuellen Finanzperspektiven der Erwerbsersatzordnung schon fast bezahlt. Mit der Weiterentwicklung der Armee sinken die Diensttage für einen Soldaten von 260 auf 245 Diensttage, zudem werden nicht alle Väter den Vaterschaftsurlaub beziehen. Allenfalls muss nach einer gewissen Zeit der EO-Satz von 0.45 wieder auf 0.5 Lohnprozente angehoben werden und somit auf das Niveau von vor 2016. Das bundesrätliche Argument, dass der Vaterschaftsurlaub „die Unternehmen vor grosse organisatorische Herausforderungen stellen“ würde, ist angesichts der rund sechs Wiederholungskurse für Angehörige der Armee ebenso wenig stichhaltig. Ein Vaterschaftsurlaub kann weit im Voraus geplant werden und nach unserem Modell flexibel tageweise im ersten Lebensjahr des Kindes bezogen werden. Mehr Flexibilität geht nicht.

Bundesrat Johann Schneider-Ammann erläuterte mir per Email, dass für den Bundesrat das Kosten-Nutzen-Verhältnis des Vaterschaftsurlaubs schlechter sei als bei Investitionen in familienexterne Kinderbetreuung. Die Vereinbarkeit sei dem Bundesrat ein wichtiges Anliegen. Das Argument könnte verstanden werden, wenn der Bundesrat auch echte Massnahmen für die Verbesserung der Vereinbarkeit treffen würde. Die 100 Millionen Franken für Massnahmen über fünf Jahre wie sie das Parlament auf Antrag des Bundesrates in der Sommersession beschlossen hat, sind sehr, sehr bescheiden. Dabei verkennt der Bundesrat den Nutzen des Vaterschaftsurlaubs in vielerlei Hinsicht: Für einen guten Start ins Familienleben, für die Möglichkeit ein präsenter Vater für Partnerin und Kind zu sein und zur Förderung der Bindung zum Neugeborenen ist der Vaterschaftsurlaub eine kleine, aber eben effektive Massnahme. Gemäss aktualisierter Berechnung kosten vier Wochen Vaterschaftsurlaub 420 Millionen Franken, was 0.11 Lohnprozente ausmachen würde. Für die Verbesserung der Vereinbarkeit braucht es mehr oder einfach beides: Den Vaterschaftsurlaub und ein möglichst flächendeckendes Angebot an familienexterner Kinderbetreuung.

Gemäss Bundesrat soll der Vaterschaftsurlaub weiterhin in der Verantwortung der Arbeitgeber respektive der Sozialpartner bleiben. Selbstverständlich wird der Vaterschaftsurlaub bei den GAV-Verhandlungen der Gewerkschaften und Personalverbände immer ein Thema sein. In den letzten Jahren konnten langsam Verbesserungen verhandelt werden. Mitte Oktober wurde im neuen GAV für die Holzbranche neu immerhin drei Tage beschlossen. Es gibt sie, die Unternehmen, die mehr Vaterschaftsurlaub gewähren, unsere Liste wird immer länger. Wir stellen aber fest, dass die kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) deutlich benachteiligt sind. Sie können es sich weniger leisten und sind umso mehr auf eine „Versicherungslösung“ angewiesen. Und sowieso: Es soll für den Arbeitnehmer keine Rolle spielen, bei welchem Arbeitgeber er arbeitet. Unsere Gesellschaft muss ein grundsätzliches Interesse haben, dass sich die Väter für ihre Väterrolle Zeit nehmen können und sich die Paare gemeinsam organisieren können. Mit der Demografie und dem Fachkräftemangel werden wir in Zukunft die Frauen, deren Maturitätsquote heute höher ist als jene der Männer, auf dem Arbeitsmarkt benötigen – und zwar ohne dass diese Frauen auf Kinder verzichten. Klar, dass dafür ein viel längerer Vaterschaftsurlaub nötig wäre. Wir orientieren uns mit unserer Initiative für vier Wochen Vaterschaftsurlaub aber bewusst daran, was mehrheitsfähig ist. Wir wollen jetzt einen Vaterschaftsurlaub als ersten Schritt!

Der Bundesrat hat nun Zeit seinen Antrag bis Mitte 2018 zuhanden des Parlamentes zu verabschieden. Danach kommt das Parlament zum Zug. Aus den Medienmitteilungen der Parteien zum Bundesratsentscheid zu schliessen, besteht die Möglichkeit, dass im Parlament ein Gegenvorschlag beschlossen wird. Das wäre ein Zeichen, dass man unserer Initiative vor dem Volk Chancen gibt und dass unser Anliegen ein gesellschaftliches Bedürfnis ist. Das Parlament sieht hoffentlich eher als die älteren Herren Bundesräte Johann Schneider-Ammann, Ueli Maurer, Didier Burkhalter und Guy Parmelin, dass sich unsere Gesellschaft verändert. Wir bleiben dran.

30. Oktober 2017, Adrian Wüthrich, Präsident

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