Themen – Gleichstellung – Vereinbarkeit

Vaterschaftsurlaub: Ständerat geht mit Baby-Steps in die richtige Richtung

Heute hat der Ständerat an seiner Sitzung über die drei Vorstösse zum Thema Vaterschaftsurlaub diskutiert. Der Verein „Vaterschaftsurlaub jetzt!“ hat im Juni 2017 erfolgreich die Initiative eingereicht, die 20 Tage Vaterschaftsurlaub fordert – flexibel innert dem ersten Lebensjahr des Neugeborenen zu beziehen. Daer Ständerat hat es heute verpasst zu zeigen, wie in der Schweiz eine moderne Familienpolitik aussehen könnte und hat die Vaterschaftsurlaubs-Initiative abgelehnt. Immerhin erkannte er aber das gesellschaftliche Bedürfnis und hat dem Gegenentwurf zugestimmt. mehr

Zwar hat der Ständerat – im Gegensatz zum Bundesrat – an seiner heutigen Sitzung die Zeichen der Zeit erkannt und zumindest dem Gegenentwurf zur Vaterschaftsurlaubs-Initiative zugestimmt. Doch ein echtes Statement für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist das nicht. „Der Ständerat hat heute zwar einen ersten Baby-Step in Richtung echter Familienpolitik gemacht. Es ist aber unverständlich, hat er nicht mehr Mut bewiesen und Ja gesagt zum vernünftigen Modell mit 20 Tagen Vaterschaftsurlaub“, sagt Adrian Wüthrich, Präsident des Vereins „Vaterschaftsurlaub jetzt!“ und Nationalrat.

Nun liegt der Ball bei Nationalrat. Er wird voraussichtlich in der Herbstsession über den Gegenentwurf entscheiden und in der Wintersession über die Volksinitiative.

Quotes:

Adrian Wüthrich, Präsident Verein „Vaterschaftsurlaub jetzt!“ und Präsident Travail.Suisse,
Mobile: 079 287 04 93
„Es ist an der Zeit, Familienpolitik für Arbeitnehmende zu machen. Sonst droht uns nicht der Fachkräftemangel sondern ein eigentliches Fachkräfteloch.“

Maya Graf, Vize-Präsidentin Verein „Vaterschaftsurlaub jetzt!“ und Co-Präsidentin alliance F,
Mobile: 079 778 85 71
„Ein vernünftiger Vaterschaftsurlaub von 20 Tagen wäre ein kleiner Anfang in Richtung echter Gleichstellung gewesen – schade, hat der Ständerat diese Chance verpasst.“

Markus Gygli, Vize-Präsident Verein „Vaterschaftsurlaub jetzt!“ und Präsident männer.ch,
Mobile: 079 757 79 91
„Die Zeiten, in denen Väter den Kindern gerade mal gute Nacht sagen, sind längst vorbei. Schade, hat das der Ständerat nicht erkannt. Männer haben ein Recht auf einen anständigen Start in der Famlie.“

Philippe Gnägi, Vize-Präsident Verein „Vaterschaftsurlaub jetzt!“ und Direktor Pro Familia Schweiz, Mobile: 079 476 29 47
„Es ist Zeit für eine Schweizer Familienpolitik, die ihren Namen verdient.“

Links:
- Factsheet direkte und indirekte Kosten des Vaterschaftsurlaubs: https://bit.ly/2×6RfuQ
- www.vaterschaftsurlaub.ch / www.facebook.com/papizeit / Twitter @papizeit

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2019 06 20 Medienmitteilung Verein Vaterschaftsurlaub-jetzt SR-Entscheid d.docx 56 KB

2019 06 20 Factsheet Direkte-indirekte-Kosten Vaterschaftsurlaub d.docx 59 KB

20. Juni 2019, Linda Rosenkranz, Leiterin Kommunikation und Linda Rosenkranz, Leiterin Kommunikation Drucker-icon

Manifest zum Frauenstreik: „Frauen und Männer gemeinsam für Gleichberechtigung am 14. Juni 2019“

Der Frauenstreik vom kommenden Freitag ist von grosser Bedeutung. Denn obschon Fortschritte in der Gleichstellung gemacht worden sind, gibt es noch immer zu viele Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern. Travail.Suisse, der unabhängige Dachverband der Arbeitnehmenden, setzt sich gemeinsam mit seinen Mitgliedern aktiv für eine reale Gleichstellung der Geschlechter ein. mehr

Travail.Suisse und seine Mitgliedsverbände haben an ihrer Delegiertenversammlung vom 24. April 2019 ein Manifest zu Gunsten des Frauenstreiks verfasst. Diese Forderungen stehen im Zentrum:

  1. Wir wollen die Lohndiskriminierung vor Ort und konkret bekämpfen.
  2. Wir wollen, dass die Mütter auf dem Arbeitsmarkt nicht mehr diskriminiert werden.
  3. Wir wollen Rahmenbedingungen, die es erlauben, Erwerbstätigkeit und Betreuungs- und Pflegearbeit zu vereinbaren.
  4. Wir wollen, dass der Staat Massnahmen trifft, um die Elternschaft zu vereinfachen und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu fördern.
  5. Wir wollen, dass die Arbeitsbedingungen der Zukunft und neue Arbeitsmodelle
    menschenwürdig sind.

Am 14. Juni an den Frauenstreik für eine echte Gleichstellung

Die Gleichstellung von Frauen und Männern ist leider in der Realität noch immer nicht verwirklicht. „Gute 8 Prozent der Lohndifferenz sind nicht erklärbar, das macht gemäss Bundesamt für Statistik knapp 8 Milliar-den Franken, die Frauen jährlich an Lohn einbüssen“, sagt Valérie Borioli Sandoz, Leiterin Gleichstellungspo-litik bei Travail.Suisse. Doch leider ist das nur eines von vielen traurigen Beispielen: „Dass mindestens eine von zehn Frauen wegen ihrer Mutterschaft auf dem Arbeitsmarkt diskriminiert sind, dass die Schweiz nach wie vor keine Familienpolitik betreibt, die sich etwa für die langfristige Betreuung von pflegebedürftigen Personen wie Kinder oder Betagte einsetzt, dass es noch immer weder Vaterschaftsurlaub noch Elternzeit gibt, dass Altersarmut noch immer weiblich ist – all das macht Frauen – und Männer – wütend“, sagt Borioli Sandoz.

Eine echte Gleichstellung, die von Frauen und Männern gleichermassen gelebt wird, ist ein Anliegen, das uns alle angeht und für das wir uns gemeinsam einsetzen.

» Der Frauenstreik bei Syna
» Der Frauenstreik bei OCST
» Der Frauenstreik bei den SCIV

Für weitere Informationen:
Valerie Borioli Sandoz, Leiterin Gleichstellungspolitik Travail.Suisse, 079 598 06 37

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2019 06 12 MM Frauenstreik d.docx 50 KB

12. Juni 2019, Valérie Borioli Sandoz, Leiterin Gleichstellungspolitik Drucker-icon

Der Bundesrat anerkennt die Bedürfnisse der pflegenden Angehörigen

Travail.Suisse, die unabhängige Dachorganisation der Arbeitnehmenden, begrüsst die vom Bundesrat vorgeschlagenen Massnahmen zur Verbesserung der Situation der pflegenden Angehörigen. Die Landesregierung ist sogar über ihren ursprünglichen Entwurf hinausgegangen, indem sie die Sistierung der Auszahlung einer Hilflosenentschädigung und eines Intensivpflegezuschlags der IV für Kinder aufhebt. Weitere ebenso wichtige Massnahmen bleiben zu treffen, aber ein erster sehr wichtiger Schritt ist heute getan worden. mehr

Der Bundesrat hat anerkannt, dass die pflegenden Angehörigen Unterstützung benötigen bei ihrer täglichen Arbeit. Er schlägt dem Parlament vor, die drei im Entwurf vorgeschlagenen Massnahmen zu verabschieden, nämlich die Lohnfortzahlung bei kurzen Abwesenheiten, die Schaffung eines bezahlten Betreuungsurlaubs von 14 Wochen für Eltern von schwer kranken oder verunfallten Kindern und die Ausweitung der Betreuungsgutschriften in der AHV auf Konkubinatspaare sowie bei leichter Hilflosigkeit.

Travail.Suisse gratuliert dem Bundesrat für seine Standhaftigkeit und begrüsst auch die vierte Massnahme, die nicht im Entwurf enthalten war und den Anspruch auf eine Hilflosenentschädigung und einen Intensivpflegezuschlag der IV für Kinder betrifft. Positiv wertet Travail.Suisse ausserdem die vorgesehene Möglichkeit, dass Eltern von schwer kranken oder verunfallten Kindern den Betreuungsurlaub nicht am Stück beziehen müssen. Valérie Borioli Sandoz, Leiterin Gleichstellungspolitik bei Travail.Suisse: "Das ist eine sehr gute Nachricht, denn damit kann der Urlaub an die echten Bedürfnisse der Eltern und auch der Unternehmen angepasst werden“.

Es ist nun am Parlament, diese vier neuen Massnahmen zur Verbesserung der Vereinbarkeit von Erwerbstätigkeit und Care-Arbeit zu diskutieren. Travail.Suisse wird alles daran setzen, damit der Vorschlag von der gegenwärtigen Mehrheit im Parlament nicht zurückgestutzt oder zunichte gemacht wird, wie dies in der laufenden Legislatur bei anderen sozialpolitischen Vorlagen so oft der Fall war.

Es sind vielmehr zusätzliche Massnahmen nötig, wie zum Beispiel ein Langzeiturlaub für Personen, die erwachsene Angehörige betreuen, oder Lösungen im Bereich der beruflichen Vorsorge für jene Personen (meistens Frauen), die ihre Erwerbstätigkeit reduzieren oder ganz aufgeben, um Angehörige zu pflegen. Es bleibt viel zu tun und Travail.Suisse wird sich weiterhin für die Menschen einsetzen, die neben ihrer Erwerbstätigkeit Angehörige – ob Kinder oder Erwachsene – unterstützen und betreuen.

Für mehr Informationen:
Valérie Borioli Sandoz, Leiterin Gleichstellungspolitik, Tel. 079 598 06 37 oder Tel. 031 370 21 1

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2019 05 22 BR Pflegende Angehoerige.docx 40 KB

22. Mai 2019, Valérie Borioli Sandoz, Leiterin Gleichstellungspolitik Drucker-icon

Alle Frauen (und Männer) zum Streik vom 14. Juni 2019!

Die Mitgliedsverbände von Travail.Suisse unterstützen den Frauenstreik vom kommenden 14. Juni und werden sich daran beteiligen. Alle Mitglieder, ob Männer oder Frauen, sind eingeladen, ihre wie auch immer geartete Unterstützung kundzutun. Niemand wird ausgeschlossen. Es gilt, aktiv ein Zeichen zu setzen, denn die Gleichstellung von Frau und Mann ist ein Anliegen, das uns alle angeht. Ganz gleich, ob es um die Familien- und Hausarbeit oder um die Lohngleichheit in den Unternehmen geht – das Engagement aller Frauen und Männer ist nach wie vor wichtig und notwendig. mehr

Vor Kurzem sahen sich gewisse Tageszeitungen, die um Beachtung buhlen, bemüssigt, die Frauen, die am kommenden 14. Juni streiken wollen, in reisserischen Schlagzeilen des «Sexismus mit umgekehrten Vorzeichen» zu bezichtigen, weil sie die Männer bei der landesweiten Mobilisierung in den Städten und Regionen ausschliessen wollten. Man darf sich indes nicht täuschen lassen: Es handelt sich dabei um reine Stimmungsmache, die darauf abzielt, eine Polemik über ein nicht existierendes Problem zu entfachen.

Zwar hat das allererste Manifest, das von den Assises féministes romandes im Sommer 2018 erarbeitet wurde, eine relativ radikale Position vertreten1. Dieses Kollektiv, welches den Frauenstreik 2019 initiiert hat, wollte im vorbereitenden Denkprozess die Frauen, und nur die Frauen, zu Wort kommen lassen. In dieser Phase wurde den Männern de facto keine Mitsprache gewährt.

Der Grund liegt in einer Feststellung, die durch wissenschaftliche Studien mehrfach bestätigt wurde: Bei öffentlichen Anlässen mit einem gemischten Publikum halten sich viele Frauen nach wie vor zurück und verzichten auf eine Wortmeldung. Dies ist die Folge einer jahrzehntelangen sozialen Konditionierung in Familie und Gesellschaft, wo es nicht gern gesehen wird, wenn eine Frau aufsteht und selbstbewusst ihre Forderungen stellt. Es ist nicht leicht, sich Gehör zu verschaffen, «wenn es Durchsetzungsvermögen braucht, um mit der Kraft seiner Stimme, mit ‘natürlichem’ Charisma oder seiner Dominanz in die Diskussion einzugreifen, anderen ins Wort zu fallen, Entscheidungen herbeizuführen», wie dies die scheidende Ständerätin Géraldine Savary aufgrund ihrer langen politischen Erfahrung sehr treffend beschreibt.

Tief verwurzelte soziale Normen

Wir schreiben aber das Jahr 2019, und die Frauen sind mittlerweile bei den Universitäts- oder Hochschulabsolventen gegenüber den Männern in der Überzahl. Die Dreissigjährigen von heute zeigen nicht mehr die gleiche Zurückhaltung wie ihre Mütter und Grossmütter. Die traditionellen Rollenbilder und die sozialen Normen halten sich jedoch hartnäckig in den Köpfen vieler Menschen.

Géraldine Savary hat in einer Stellungnahme in der Tageszeitung Le Temps2 auf diesen Umstand hingewiesen: «Aus diesen nicht gemischten Sitzungen, die durch eine nicht hierarchische Gesprächskultur geprägt waren, sind neue, bis dahin unbekannte Forderungen hervorgegangen, die heute breite Anerkennung finden.» Nach anfänglichen Zweifeln ist sie heute davon überzeugt, dass die freie Meinungsäusserung nicht die gleiche gewesen wäre, wenn der Denkprozess in der Anfangsphase in gemischten Sitzungen stattgefunden hätte. Und sie schliesst ihren Kommentar gewieft mit den Worten: «Selbstverständlich sind die Männer an den Demonstrationen vom 14. Juni willkommen. Aber so, wie es die Frauen in den Fussballstadien sind: um ihr Team anzufeuern.» Das heisst, mit einer gewissen Zurückhaltung, selbst wenn ihre Unterstützung unverzichtbar ist.

Das Genfer Gewerkschaftskollektiv hat im Übrigen verschiedene Möglichkeiten angedacht, wie die Männer den Frauenstreik auf sinnvolle Weise unterstützen können3. Auch ist anzumerken, dass in der Deutschschweiz ein Verein feministischer Männer gegründet wurde: «Die Feministen»4 – Männer, die mit den geschlechterspezifischen Rollen, Erwartungen und Vorstellungen unserer Gesellschaft unzufrieden sind. Für sie sind Femininität und Maskulinität lediglich soziale Konstrukte. Sie teilen damit die Auffassung der grossen französischen Feministinnen wie Elisabeth Badinter oder, bereits vor ihr, Simone de Beauvoir.

Um zum Frauenstreik vom 14. Juni zurückzukommen: Die Mitgliedsverbände von Travail.Suisse sind sich einig, dass die Gleichstellung von Frauen und Männern im realen Alltag noch nicht verwirklicht ist. An ihrer Versammlung vom 24. April 2019 haben die Delegierten ihre Unterstützung für den Frauenstreik mit der Verabschiedung des eigenständigen Manifests von Travail.Suisse 5 zum Ausdruck gebracht. Es sind verschiedene regionale Aktionen geplant.

Das Manifest von Travail.Suisse ist bewusst inklusiv

Die Präambel dieses Manifests gibt die Stossrichtung vor: « … weil die Gleichstellung von Frau und Mann uns alle angeht, … weil alle die gleichen Chancen und die gleichen Möglichkeiten und ein selbstbestimmtes Leben haben sollen, … weil alle ihre Bedürfnisse unabhängig abdecken können müssen, … weil alle für sich selbst und für Personen, die von ihnen abhängig sind (Kinder, hilfsbedürftige Angehörige, aber auch Personal), Verantwortung übernehmen müssen, … weil die Werte von Travail.Suisse (Solidarität, sozialer Dialog und Sozialpartnerschaft) unantastbar sind».

Das Manifest legt den Fokus auf fünf Punkte:
1. den Kampf gegen die Lohndiskriminierung vor Ort
2. den Kampf gegen die Diskriminierung der Mütter auf dem Arbeitsmarkt
3. die Schaffung der nötigen Rahmenbedingungen, um die Vereinbarkeit von Beruf und Care-Arbeit zugunsten von hilfsbedürftigen Kindern und Erwachsenen sicherzustellen
4. die Einführung von staatlichen Massnahmen zur Förderung der Elternschaft
5. die Einführung von menschenwürdigen Arbeitsmodellen für die Zukunft

In Bezug auf den ersten Punkt und ganz konkret haben die Delegierten ein neues Projekt von
Travail.Suisse und ihren Mitgliedsverbänden gutgeheissen: die Begleitung der Umsetzung des revidierten Gesetzes über die Gleichstellung von Frau und Mann. Das Gleichstellungsgesetz (GlG) wird die Unternehmen schon bald dazu verpflichten, die Lohngleichheit in ihren Betrieben systematisch zu überwachen. Dieses Projekt ist jetzt in Vorbereitung und wird rechtzeitig zur Inkraftsetzung der revidierten Gesetzesbestimmungen, voraussichtlich 2020, einsatzbereit sein.

Eine echte Gleichstellung, welche von Frauen und Männern gleichermassen gewollt und gelebt wird, ist ein Anliegen, das uns alle angeht.


1 Nachzulesen auf der Website des Frauenstreiks unter www.frauenstreik2019.ch.
2 Géraldine Savary, «La tribune aux femmes, les tribuns sur le banc», Le Temps, Ausgabe vom 5. Mai.
3 «Le 14 juin, c’est la Grève des femmes* / Grève féministe. Je suis un homme… Que faire ? Comment soutenir ?», Collectif genevois, zu finden auf der Website zum Frauenstreik.
4 www.feministen.ch
5 Zu finden auf der Website von Travail.Suisse.

Travail.Suisse, Hopfenweg 21, 3001 Bern, Tel. 031 370 21 11, info@travailsuisse.ch,
www.travailsuisse.ch

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2019 05 20 Greve-feministe d.docx 29 KB

20. Mai 2019, Valérie Borioli Sandoz, Leiterin Gleichstellungspolitik Drucker-icon

Politik muss Basis für Vereinbarkeit legen

Langsam, aber sicher kommt Bewegung in die Familienpolitik. Mit der Vaterschaftsurlaubs-Initiative heizt Travail.Suisse, der unabhängige Dachverband der Arbeitnehmenden, die Diskussion an. Etliche Kantone und Gemeinden, aber auch Unternehmen begreifen, dass sie ihren Angestellten mehr als einen Tag Vaterschaftsurlaub bieten müssen, um als Arbeitgeber interessant zu bleiben. mehr

Ende letzten Jahres hat die Stadt St. Gallen 20 Tage Vaterschaftsurlaub eingeführt, anfangs 2019 zog Neuenburg als erster Kanton gleich. Auch die privaten Unternehmen begreifen, dass sie ihren Angestellten etwas bieten müssen, um als Arbeitgeber interessant zu bleiben. So führt Novartis inzwischen mit ganzen 90 Tagen bezahltem Vaterschaftsurlaub die Liste an – gefolgt von weiteren Multis wie Google (60 Tage), Johnson & Johnson oder Microsoft (40 Tage).

Nur Angestellte aus Verwaltung und Multis profitieren von aktueller Entwicklung

Das sind zwar erfreuliche News, doch die Initiative für einen vernünftigen Vaterschaftsurlaub fordert 20 Tage für alle Unternehmen in der Schweiz. Es darf nicht sein, dass es sich ein mittelständisches Unternehmen in Zeiten von Fachkräftemangel und der Dominanz von multinationalen Unternehmen nicht leisten kann, seinen Angestellten einen vernünftigen Vaterschaftsurlaub zu bieten. Die Diskrepanz zwischen einem Arbeitgeber wie Novartis, der seinen Vätern 90 Tage bei vollem Lohn bezahlt, und den vielen KMU, die sich nicht mehr als den einen obligatorischen Tag leisten können, ist viel zu gross. Es braucht eine vernünftige politische Lösung, damit die KMU in der Schweiz den Anschluss nicht verlieren.

Verheerend wäre, wenn die Argumentation der Arbeitgeberverbände gewinnen würde. So liess der Schweizerische Arbeitgeberverband in seiner Vernehmlassungsantwort zum Gegenentwurf von 10 Tagen Vaterschaftsurlaub verlauten, ein gesetzlich verankerter Vaterschaftsurlaub sei „eine Geringschätzung gegenüber den zahllosen Anstrengungen in den Unternehmen und führe zu keiner Verbesserung der Vereinbarkeit von Beruf und Familie“. Es scheint, als ob der Arbeitgeberverband noch nicht verstanden hat, dass Familie heute anders gelebt wird also noch vor 30 Jahren. Väter wollen heute bei ihrer Familie sein, wenn ein weiteres Familienmitglied geboren wird. Sie unterstützen ihre Frau, betreuen allfällige Geschwisterkinder, stehen nachts auf, trösten, wickeln, umsorgen. Und zwar völlig unabhängig vom gewählten Rollenmodell. Auch in traditionell bürgerlich organisierten Familien haben Väter heute einen anderen Platz als noch vor 30 Jahren. Und diesen Fakt gilt es politisch zu antizipieren. 20 Tage Vaterschaftsurlaub, die flexibel und in Absprache mit dem Arbeitgeber innert dem ersten Lebensjahr des Babys zu beziehen sind, sind dafür der vernünftige und richtige Ansatz.

Ein Angestellter kann so in Absprache mit dem Arbeitgeber beispielsweise zehn Tage direkt nach der Geburt beziehen und weitere zehn Tage im Verlauf des Jahres. Das wäre dann noch rund ein Tag pro Monat. Wer behauptet, das sei nicht organisierbar, soll erst erklären, wie Krankheitsfälle oder Ausfälle aufgrund des Militärdienstes organisiert werden können.

Aus Sicht von Travail.Suisse ist es längst an der Zeit, 20 Tage Vaterschaftsurlaub einzuführen. Die heutigen Väter funktionieren nicht mehr wie die Generation Männer (und Frauen), die heute mehrheitlich das nationale Parlament stellen. Gespannt darf man auf die Beratung des Ständerats in der Sommersession warten. Diskutiert werden voraussichtlich gleichzeitig die Vaterschaftsurlaubs-Initiative und ihr indirekter Gegenentwurf. Der Ständerat wird zeigen können, ob ihm eine vernünftige Familienpolitik – gerade in Zeiten von Fachkräftemangel – wichtig ist oder nicht.

Gegenentwurf versus Initiative

Die Vaterschaftsurlaubs-Initiative und ihr Gegenentwurf unterscheiden sich durch zwei Merkmale: Der Gegenentwurf fordert 10 Tage Vaterschaftsurlaub, der flexibel in Einzeltagen innert dem ersten halben Lebensjahr des Kindes einzuziehen ist, und ist auf Gesetzesebene angesiedelt. Die Initiative fordert 20 Tage – ebenfalls flexibel, aber innert dem ersten Lebensjahr zu beziehen – und soll analog Mutterschaftsurlaub auf Verfassungsebene festgeschrieben werden.

Aktuelle Erhebungen zeigen, dass ein zunehmender Teil der Arbeitnehmenden bei Unternehmen oder Verwaltungen angestellt sind, die einen Vaterschaftsurlaub bieten. Die Entwicklung betrifft aber längst nicht alle Arbeitnehmer und der Umfang des Vaterschaftsurlaubs lässt zu wünschen übrig.1 Aus Sicht von Travail.Suisse, dem Dachverband der Arbeitnehmenden, darf die Entwicklung keinesfalls in eine Richtung gehen, die KMU in der Schweiz benachteiligt. Heute sieht es aber leider danach aus: Die kleine Schreinerei mit ihren wenigen Angestellten kann sich heute nicht mehr als den einen Tag Vaterschaftsurlaub leisten. Ist es wirklich diese Entwicklung, welche die Politik für die Schweiz will?

…und dann noch das Geld

Damit sich auch das traditionelle Schweizer KMU einen Vaterschaftsurlaub leisten kann, braucht es eine solidarische Lösung über die Erwerbsersatzordnung (EO). Vier Wochen Vaterschaftsurlaub kosten gemäss Bundesrat zwischen 400 und maximal 450 Millionen Franken pro Jahr, was für Arbeitgeber und -nehmer je 0.055 Lohnprozente ausmacht. Bei einem durchschnittlichen Schweizer Monatslohn macht das je 3 Franken aus – weniger als eine Tasse Kaffee.

1https://bit.ly/2Sth29h

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09. April 2019, Linda Rosenkranz, Leiterin Kommunikation Drucker-icon