Themen – Gleichstellung – Lohngleichheit

Die Lohndiskriminierung der Frauen nimmt zu: Kontrollen sind nötig!

Die heute vom Bundesamt für Statistik (BFS) veröffentlichte Lohnungleichheitsanalyse gibt Anlass zur Sorge: Der nicht erklärbare Teil der Lohndifferenz ist um zwei Punkte gestiegen, obwohl die Lohnungleichheit zwischen Frau und Mann landesweit stabil ist. Kurz: Die Lohndiskriminierung der Frauen hat zugenommen. Leider wird die jüngste Revision des Gleichstellungsgesetzes (GlG) diese negative Entwicklung nicht stoppen. Travail.Suisse, die unabhängige Dachorganisation der Arbeitnehmenden, erachtet weitere Massnahmen als unerlässlich, um die Unternehmen zum Handeln zu veranlassen. mehr

Je nach Branche gibt es grosse Schwankungen bei der Lohndiskriminierung, wie die vom Bundesamt für Statistik durchgeführte detaillierte Analyse der Schweizerischen Lohnstrukturerhebung 2016 zeigt. Den traurigen Rekord des grössten unerklärbaren Teils der Lohndifferenzen hält proportional immer noch die Hotellerie/Gastronomie: Über 80 % der Lohnungleichheit lassen sich nur durch das Geschlecht erklären. Die nächsten Plätze belegen der Detailhandel und die Maschinenindustrie, mit steigenden Anteilen (65,4 und 52,5 %). In den Bereichen Finanzen und Versicherungen liegt der Anteil der Diskriminierung noch bei 30,6 %, d. h. unter dem schweizerischen Durchschnitt von 42,9 %. Durch diese Diskriminierung fehlen im Portemonnaie der Frauen, die in diesen Branchen arbeiten, jeden Monat 327 bis 1291 Franken.

Der öffentliche Sektor kommt dieses Jahr besser weg: Der Anteil der Diskriminierung ist von 41,1 auf 34,8 % gesunken. Travail.Suisse stellt fest, dass die systematischen Kontrollen der Lohngleichheit in diesem Sektor endlich ihre Wirkung entfalten.

2013 hatten vom Bundesamt für Statistik und vom Eidgenössischen Büro für die Gleichstellung von Frau und Mann beauftragte Experten Empfehlungen abgegeben: Um die Diskriminierung zu beheben, müssten Unternehmen verpflichtet werden, ihre Löhne überprüfen zu lassen, und diese Pflicht sei von der Verwaltung zu kontrollieren. Sie müsse für alle Unternehmen mit über 50 Angestellten gelten. Die Berechtigung dieser Empfehlung zeigt sich auch heute wieder: Bei den KMU fallen immer noch die grössten Diskriminierungen an. «Leider ist das Parlament bei der Revision des Gleichstellungsgesetzes auf halbem Weg stehen geblieben, indem es die Schwelle für die Lohngleichheitsanalyse bei 100 Angestellten ansetzte und jegliche verwaltungsseitige Überwachung dieser Kontrolle aufhob. Das ist willkürlich und unangemessen», meint Valérie Borioli Sandoz, Leiterin Gleichstellungspolitik bei Travail.Suisse.

Fazit: Nun obliegt es der Zivilgesellschaft, und insbesondere den Gewerkschaften, die Praktiken der uneinsichtigen Unternehmen aufzudecken.


Lohnungleichheit: Die Abweichungen bei den Löhnen von Frauen und Männern sind auf verschiede-ne Faktoren zurückzuführen – darunter persönliche Faktoren (Alter, Ausbildung, Berufserfahrung), Faktoren im Zusammenhang mit dem Arbeitsplatz (berufliche Situation, Qualifikationsniveau, Tätigkeitsbereich) und unternehmensbedingte Faktoren (Unternehmensgrösse, Branche, Region).
Lohndiskriminierung: Nach Ausschluss der objektiven Erklärungsfaktoren per Regressionsanalyse (Oaxaca-Zerlegung) gelten die verbleibenden Abweichungen bei den Löhnen von Frauen und Männern als unerklärbar und werden von Experten als Lohndiskriminierung bezeichnet.


Für mehr Informationen:
Valérie Borioli Sandoz, Leiterin Gleichstellungspolitik, 079 598 06 37

31. Januar 2019, Valérie Borioli Sandoz, Leiterin Gleichstellungspolitik

Revision des Gleichstellungsgesetztes: Der Nationalrat ignoriert die Wichtigkeit der Lohngleichheit komplett!

Gestern und heute ist es der bürgerlichen Mehrheit im Nationalrat gelungen, die Revision des Gleichstellungsgesetzes weiter zu entschärfen. Travail.Suisse, der unabhängige Dachverband der Arbeitnehmenden, ist entsetzt über die Ignoranz, die die Mehrheit des Nationalrates gegenüber der Lohndiskriminierung an den Tag legt und fordert den Ständerat auf, die Vorlage umgehend zu korrigieren. mehr

Zur Bekämpfung der Lohndiskriminierung sollen weiterhin Markt und Unternehmen ihre Verantwortung übernehmen, auch wenn die Erfahrung aus dem Lohngleichheitsdialog von 2009 bis 2014 deutlich gezeigt hat, dass es so keine Verbesserung gibt. Der Nationalrat hat das Projekt Lohngleichheit noch einmal verwässert. Immerhin ist es den Bürgerlichen misslungen, die Rentenaltererhöhung für Frauen durch die Hintertür und komplett ohne soziale Abfederung durchzubringen.

Dass der Nationalrat neu nur Unternehmen mit mehr als 100 Vollzeitäquivalenten (davor: 100 Angestellten) zur Lohnkontrolle verpflichten will, ist eine Beleidigung für die Arbeiterinnen in diesem Land. Denn mit dieser Regelung können insbesondere Unternehmen mit überdurchschnittlich vielen Frauen in Teilzeitpensen die Lohnkontrolle umgehen. Mit dieser Regelung könnten also die meisten mittelgrossen Unternehmen weiterhin diskriminierende Frauenlöhne auszahlen und damit die Bundesverfassung mit Füssen treten. Unhaltbar ist ausserdem, dass der Nationalrat diesen Punkt ändert, ohne zu wissen wie viele der 5760 Unternehmen mit mehr als 100 Beschäftigten betroffen wären und wie viele Personen die Änderung betreffen würde. Klar ist: Das Bundesamt für Justiz hat im Jahr 2005 nachgewiesen, dass das Gleichstellungsgesetz zur Beseitigung der Lohndiskriminierung nicht ausreichend wirkt. Dennoch fordern bürgerliche Kräfte immer wieder zahlreiche Studien, die diesen Fakt anfechten. Ein weiterer Affront ist, dass neu auch Lernende nicht einbezogen würden in die Lohnkontrollen.

Travail.Suisse ist erschüttert über die Debatten im Nationalrat. "Dass der Nationalrat in Kauf nimmt, dass die Mehrheit der Unternehmen weiterhin gegen die Verfassung verstossen können, ist absolut empörend», sagt Valérie Borioli Sandoz, Leiterin Gleichstellungspolitik bei Travail.Suisse.

Nun geht der Gesetzentwurf zurück in den Ständerat. Travail.Suisse fordert, dass dort die absolut inakzeptable Laissez-faire-Haltung gegenüber Unternehmen korrigiert wird, denn die Lohndiskriminierung kostet Frauen jedes Jahr fast 7 Milliarden Franken.

Für mehr Information :
Valérie Borioli Sandoz, Verantwortlich für die Gleichstellungspolitik, mobile : 079 598 06 37

25. September 2018, Valérie Borioli Sandoz, Leiterin Gleichstellungspolitik

#enough18
Die Lohndiskriminierung nimmt nicht ab, jetzt ist‘s genug!

Eine Zahl ändert sich nicht: jene der unerklärbaren Lohnunterschiede zwischen Mann und Frau, jene der Lohndiskriminierung also. 40 Prozent aller gemessenen Lohnunterschiede lassen sich nicht mit objektiven Kriterien erklären. Travail.Suisse, der unabhängige Dachverband der Arbeitnehmenden, und seine angeschlossenen Verbände haben genug und sind deshalb am Samstag, 22. September 2018 dabei, wenn es heisst: #enough18! mehr

Der Nationalrat behandelt am kommenden Montag, 24. September die Revision des Gesetzes zur Gleichstellung von Frau und Mann. Der ursprüngliche Entwurf des Bundesrates wurde in den bisherigen parlamentarischen Beratungen dermassen verwässert, dass die Wirksamkeit fast nicht mehr gegeben ist. Travail.Suisse und die angeschlossenen Verbände haben genug. Deshalb werden sie am Samstag, den 22. September vor dem Bundeshaus neben vielen Frauen- und Frauenrechtsorganisationen unter dem Schlagwort #enough18 ihre Meinung kundtun.

Zwar nimmt die Ungleichheit insgesamt ab, allerdings längst nicht überall. In gewissen Branchen oder auf hoher Hierarchie-Stufe verändert sich nichts: Die Lohnunterschiede gehen dort von 18,5 Prozent (an der Spitze der Hierarchie) bis zu 36 Prozent (im Finanz- und Versicherungssektor). Der Anteil der Lohndiskriminierung seinerseits – also des unerklärbaren Teils der Lohnunterschiede – stagniert seit Jahren bei 40 Prozent. Die Arbeitnehmerinnen haben genug von dieser Lohndiskriminierung, die sie jährlich 7 Milliarden Franken kostet.

Travail.Suisse ruft alle Frauen (und natürlich auch alle Männer) dazu auf, am Samstag, 22. September in Bern zu zeigen, dass sie genug haben:

  • Genug davon, dass bereits jungen Frauen für ihren ersten bezahlten Job 7 Prozent weniger Lohn angeboten wird als ihren Kollegen (das macht im Schnitt 280 Franken weniger) und zwar trotz gleicher Ausbildung, Erfahrung und Fähigkeiten.
  • Genug davon, dass Unternehmen nicht verpflichtet werden, die Einhaltung der Lohngleichheit regelmässig zu überprüfen..
  • Genug davon, dass Frauen auch im Ruhestand teuer für die Folgen der Lohndiskriminierung zahlen.
  • Genug von den Manövern der Parlamentarier, die Revision des Gleichstellungsgesetzes von jeglicher Substanz zu befreien.

Kommen Sie am Samstag, 22. September 2018 mit uns zur nationalen Demonstration #enough18 in Bern. Versammlung um 13.30 Uhr auf der Schützenmatte, anschliessend Umzug Richtung Bundesplatz.

Für weitere Informationen:
Valérie Borioli Sandoz, Leiterin Gleichstellungspolitik, Tel. 079 598 06 37 oder Tel. 031 370 21 11 11

21. September 2018, Valérie Borioli Sandoz, Leiterin Gleichstellungspolitik

Revision des Gleichstellungsgesetzes: Es bleibt bei der harmlosen Hauskatze

Auch nach der Kommission des Nationalrates bleibt es dabei: Weniger als 1% der Unternehmen sollen die Lohngleichheit von Frauen und Männern überprüfen müssen. Diese Überprüfungen werden demnach nur eine Minderheit der Arbeitnehmenden betreffen. Travail.Suisse, der unabhängige Dachverband der Arbeitnehmenden, bedauert sehr, dass auch die Kommission Wissenschaft, Bildung und Kultur des Nationalrates (WBK-N) den Geltungsbereich des Gleichstellungsgesetzes gemäss Vorlage des Ständerates eingeschränkt hat. Eine Verknüpfung der Minimal-Vorlage mit der Erhöhung des Rentenalters der Frauen auf 65 Jahre wäre für Travail.Suisse ein Referendumsgrund. mehr

Die WBK-N ist bei der Revision des Gleichstellungsgesetzes den Entscheiden des Ständerates gefolgt. Sie schlägt dem Nationalrat vor, dass nur Unternehmen mit mehr als 100 Mitarbeitenden verpflichtet werden, eine wissenschaftliche Untersuchung der Löhne durchzuführen. Der Bundesrat hat eine Schwelle von 50 Mitarbeitenden vorgeschlagen. Die Anhebung dieser Schwelle von Unternehmen von 50 auf neu 100 Mitarbeitende bedeutet konkret, dass die Gesetzesrevision gerade mal 5760 Unternehmen und nicht einmal die Hälfte der Erwerbstätigen (45%) betrifft.

Travail.Suisse bedauert weiterhin, dass die Lohnanalyse nicht langfristig angelegt, sondern auf 12 Jahre begrenzt werden soll. Das Gesetz bleibt eine harmlose Hauskatze (Ausspruch von Ständerat Raphaël Comte). Ob das verfassungsmässige Ziel der Lohngleichheit von Mann und Frau erreicht werden kann, stellt Travail.Suisse stark in Frage. Abgelehnt wurden auch Sanktionen, wenn ein Unternehmen nicht gleiche Löhne für Frau und Mann bezahlt.

Die Idee, mit dieser Reform des Gleichstellungsgesetzes das Frauenrentenalter 65 zu verknüpfen, ist eine Provokation sondergleichen. Der Antrag wurde nur mit Stichentscheid der WBK-Präsidentin abgelehnt! Es zeigt, dass die Anliegen der Gleichstellung im Bundeshaus einen schweren Stand haben. Umso mehr rufen Travail.Suisse und die angeschlossenen Verbände alle Arbeitnehmenden auf, ein Zeichen zu setzen und am Samstag, 22. September an die nationale Demonstration für Lohngleichheit und gegen Diskriminierung nach Bern zu kommen.

Für weitere Informationen:
Valérie Borioli Sandoz, Leiterin Gleichstellungspolitik, Mobil: 079 598 06 37
Adrian Wüthrich, Präsident Travail.Suisse / Nationalrat und WBK-N-Mitglied: 079 287 04 93

17. August 2018, Valérie Borioli Sandoz, Leiterin Gleichstellungspolitik und Adrian Wüthrich, Präsident

Die Schweiz erlebt gerade ein «Momentum» der Gleichstellung

Die #metoo-Bewegung wird mit Kundgebungen, einem landesweiten Streik, aber auch mit Tagungen, Forderungskatalogen und humoristischen Kampagnen in den sozialen Netzwerken weitergeführt. Das «Momentum» der Gleichstellung ist bereits da. Auch Travail.Suisse beteiligt sich mit seinem Positionspapier zur Gleichstellung daran. Kündigt sich für den Herbst 2018 eine Aufwärmrunde für die nationalen Wahlen an? mehr

Das Ausmass der internationalen Mobilisierung gegen sexuelle Belästigung, nachdem Opfer aus der Kino- und Kunstszene ihre Stimme erhoben hatten, war und ist beispiellos. Seit Herbst 2017 wird das mit dem Hashtag #metoo in den sozialen Netzwerken in Gang gesetzte Bewusstwerden in Medien, Unternehmen, internationalen Organisationen und Gesprächen zwischen Einzelnen weitergeführt. Es vergeht keine Woche, ohne dass ein Manager oder ein bekannter Schauspieler öffentlich der Belästigung beschuldigt wird, manchmal nachdem das Opfer jahrelang aus Angst geschwiegen hatte.

Diese Kampagne ist jedoch nicht neu, sondern wurde bereits vor 10 Jahren von Tarana Burke ins Leben gerufen, einer amerikanischen Aktivistin und Direktorin der Organisation «Girls for gender equity» mit Sitz in Brooklyn. Auf der Startseite der Website1 der #metoo-Bewegung erscheint eine Zahl: fast 18 Millionen Frauen haben seit 1998 eine sexuelle Aggression angezeigt.

Sexuelle Belästigung: jedes Jahr eine traurige Tatsache für jede dritte Person in der Schweiz

Die traurige Wahrheit ist, dass sexuelle Gewalt gegen Frauen und Männer in unterschiedlichem Grad in allen Ländern der Welt vorkommt. Auch in der Schweiz. Das Eidgenössische Büro für die Gleichstellung von Frau und Mann (EBG) und das Staatssekretariat für Wirtschaft SECO haben 2007 eine Erhebung durchgeführt2. Ihre Schlussfolgerung ist bezeichnend: «(…) 6,5 % der in einem Angestelltenverhältnis beschäftigten Personen in der Schweiz mit sexueller Belästigung am Arbeitsplatz konfrontiert, Frauen (10,3 %) deutlich stärker als Männer (3,5 %). Bezogen auf das gesamte Erwerbsleben sind insgesamt 18,1 % mindestens einmal sexuell belästigt worden, 28,3 % der Frauen und 10 % der Männer.»

Die sexuelle Belästigung deckt eine breite Palette von strafbaren Tatbeständen ab, zu der auch potenziell belästigendes Verhalten gehört (verbale Kommentare, unangebrachte Witze, Gesten, Andeutungen, aufgedrängte obszöne Bilder usw.). Dieses Verhalten ist weit verbreitet: «Insgesamt hat knapp jede dritte Person in den vergangen 12 Monaten und gut jede zweite Person bezogen auf ihr gesamtes Erwerbsleben mindestens ein potenziell belästigendes Verhalten erlebt, Frauen bezogen auf das gesamte Erwerbsleben häufiger als Männer (54,8 % vs. 48,6 %).»

Aufgrund des Ausmasses des Phänomens wurden mehrere Prospekte und Leitfäden für Arbeitgebende und Arbeitnehmende entwickelt, um diesen inakzeptablen Situationen zu begegnen. Diese sind sowohl auf der Website des EBG3 als auch auf jener des SECO4 verfügbar.

Nachdem das Treiben eines mächtigen Hollywood-Produzenten – Harvey Weinstein – publik gemacht wurde, übernahm die amerikanische Schauspielerin Alyssa Milano den Titel der Kampagne von 2007 und stellt ihm ein Hashtag (#) voran. In Frankreich entfacht ein anderes Hashtag das Feuer in den sozialen Netzwerken: #balancetonporc, lanciert von der französischen Journalistin Sandra Muller, inspiriert von einem Artikel der Zeitung Le Parisien über die Affäre Weinstein. Seitdem versiegt der Fluss der Anschuldigungen nicht mehr, führt aber auch zu inakzeptablen Entwicklungen wie der Nennung (und Verurteilung ohne Anhörung) von Personen ausserhalb der Rechtsstaatlichkeit.

Tragen die Ständeräte Ohrstöpsel?

Bei der Debatte der Parlamentarierinnen und Parlamentarier über die Revision des Gleichstellungsgesetzes ging es ab. Von Spitzfindigkeiten über Scheinargumente und falsche Behauptungen bis zur Leugnung von offiziellen statistischen Informationen drückten sich mehrere Ständeräte (ausschliesslich Herren der Schöpfung) unerquicklich über das Thema aus. Tatsächlich soll diese Revision aber einzig eine gravierende Gesetzeslücke schliessen, denn obwohl die Lohndiskriminierung rechtswidrig ist, ist keine Anwendung des Gesetzes vorgesehen; keine Selbstkontrollen, keine externen Kontrollen und erst recht keine Sanktionen, auch keine progressiven. Die Frage stellt sich deshalb: trägt die eidgenössische Politik Ohrstöpsel, dass sie sich gegenüber des aktuellen «Momentums» der Gleichstellung so taub stellen kann? Nach dem Ständerat liegt es nun am Nationalrat und seiner Kommission, sich mit der sehr bescheidenen Vorlage des Bundesrats zu befassen. Wir hoffen, dass die grosse Kammer die Angelegenheit ernster nimmt und den ursprünglichen Entwurf wieder aufnimmt.

Nationale Kundgebung #ENOUGH18 für Lohngleichheit

In Folge dieser parlamentarischen Debatten gewann die Mobilisierung für Lohngleichheit an Fahrt. Die Rückweisung der Vorlage für die Revision des Gleichstellungsgesetzes löste eine Schockwelle aus. Über vierzig Frauen-, Männer- und religiöse Organisationen sowie Gewerkschaften bereiten für den 22. September 2018 eine grosse nationale Kundgebung in Bern vor, um – während der Herbstsession des Parlaments – auf die Unzufriedenheit der Frauen, die schon zu lange unter der Lohndiskriminierung leiden, aufmerksam zu machen. Jeden Monat werden den Frauen im Schnitt 600 Franken vorenthalten. Für die Gesamtheit der Arbeiterinnen betrachtet führt dieser Schnitt zum unglaublichen Betrag von über 7 Milliarden Franken, den die Frauen jedes Jahr ohne sachlichen Grund verlieren. Ein hoher Zoll der Diskriminierung.

Travail.Suisse beteiligt sich wie seine Mitglieder Syna, SCIV und OCST an dieser Kundgebung. Es versteht sich von selbst, dass die Forderung der Lohngleichheit Teil des allgemeinen Positionspapiers zur Gleichstellung ist, das am Vortag des 1. Mais an einer Medienkonferenz vorgestellt wurde. Am 30. April 2018 veröffentlichte Travail.Suisse 28 Forderungen zu verschiedenen Themen im Rahmen eines Positionspapiers zur Gleichstellung von Frau und Mann heute und morgen5.

Das Rentenalter der Frauen ist kein Klacks

Auf dem Menü der Kampagne «#65nopeanuts – Egalité complète, pas de cacahuètes»6 stehen ebenfalls über dreissig Ziele. Mit einem Augenzwinkern befasst sich das aus Ökonominnen und Juristinnen bestehende Kollektiv ernsthaft mit der Dynamik der Gleichstellung in Bezug auf sechs Aktionsfelder und bietet vierunddreissig Lösungen an. Alle diese Vorschläge sollen idealerweise umgesetzt werden, bevor das Rentenalter der Frauen heraufgesetzt wird.

Auch nachdem das Volk das Reformpaket Vorsorge 2020 von Alain Berset abgelehnt hat, wird in den laufenden Debatten und Arbeiten für die finanzielle Sicherstellung der AHV in der Zukunft weiter von der Erhöhung des Rentenalters der Frauen von 64 auf 65 Jahre gesprochen. Obwohl diese Erhöhung des Rentenalters der Frauen zu einem grossen Teil für das Scheitern der Volksabstimmung vom 24. September 2017 verantwortlich ist. Travail.Suisse ist nicht gegen ein egalitäres Rentenalter, jedoch zu bestimmten Bedingungen. Die dank dieser Massnahme zusätzlich eingebrachten hunderte Millionen müssen an anderen Fronten kompensiert werden, um die Gleichstellung der Frauen und Männer in der Realität zu fördern (bessere Bedingungen für die berufliche Vorsorge der Teilzeitangestellten, Flexibilität bei der Frühpensionierung für benachteiligte Bevölkerungsgruppen, Rahmenbedingungen für die Vereinbarung von Berufs- und Familienleben usw.).

Das Kollektiv #65nopeanuts sieht das nicht anders. Sollen die Frauen mit 65 pensioniert werden, soll dies kein Klacks sein. Dieses Kollektiv ruft zu einer breiten Koalition für eine vollständige Gleichstellung auf und es können sich ihr alle anschliessen, indem sie sich in die Unterstützungsliste der Aktion eintragen7.

Aufruf zu einem erneuten Frauenstreik 2019

Eine nationale Mobilisierung ruft für den 14. Juni 2019 zu einem nationalen Frauenstreik auf. Es werden gegenwärtig kantonale Gruppierungen gebildet, um den grossen Streik vom 14. Juni 1991 zu wiederholen, an dem sich eine halbe Million Frauen beteiligte. Dieser Entschluss wurde an der Westschweizer Feministinnentagung vom 2. Juni 2018 gefasst. Dieser Streik soll genau wie jener von 1991 mit den lila Tüchern, dem Bummelstreik in den Familien und den Demonstrationszügen nicht nur symbolisch sein. Der anstehende Streik wird sowohl für das berufliche als auch das private Umfeld organisiert.

Richtet sich der Aufruf an alle Frauen, werden zweifellos auch die Männer folgen. Sei es nur, um auch ihren Teil der Gleichstellung einzufordern, insbesondere die Einführung eines bezahlten Vaterschaftsurlaubs von 20 Tagen, wie dies die Initiative «Für einen vernünftigen Vaterschaftsurlaub – zum Nutzen der ganzen Familie» verlangt. Denn wie der FDP-Nationalrat Philippe Nantermod kürzlich in einer Kolumne in der Zeitung Le Temps schrieb, ist die «Gleichstellung weder Frauensache» noch «eine Marotte der Linken».

Unser Land erlebt gerade ein wahres «Momentum» der Gleichstellung, das bis zu den nächsten nationalen Wahlen 2019 seine Wirkung zeigen wird. Travail.Suisse beteiligt sich aktiv daran.


1 https://metoomvmt.org/
2 EBG und SECO, «Risiko und Verbreitung sexueller Belästigung am Arbeitsplatz», Bern 2008.
3 https://www.ebg.admin.ch/ebg/de/home/dokumentation/publikationen/publikationen-zu-gleichstellung-im-erwerbsleben/sexuelle-belaestigung-am-arbeitsplatz.html
4 https://www.seco.admin.ch/seco/de/home/Arbeit/Personenfreizugigkeit_Arbeitsbeziehungen/Arbeitsrecht/FAQ_zum_privaten_Arbeitsrecht/sexuelle-belaestigung-am-arbeitsplatz-und-mobbing.html
5 http://www.travailsuisse.ch/aktuell/positionen?lang=de&which_abo=
6 www.65nopeanuts.ch
7 https://www.65nopeanuts.ch/rejoignez-nous/

03. Juli 2018, Valérie Borioli Sandoz, Leiterin Gleichstellungspolitik

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